Freitag, 15. Dezember 2017

Reportage über Minerva und den Hexenhof

jescotrifft: „Lieber Bibi Blocksberg als Gebrüder Grimm“ – Meine Begegnung mit der Hexe Minerva

Ein Besuch bei der Hexe Minerva ist ein ganz besonderes Erlebnis. (Foto: Jesco von Moorhausen)
Butjadingen. „Wo fährst Du heute hin?“, fragt mich meine zweieinhalb jährige Tochter. „Zu einer Hexe“, antworte ich. Sie schaut mich mit großen Augen an und ruft freudig aus: „Bibi Blocksberg!“ Später erzähle ich Minerva von der Situation. Sie lacht und sagt: „Besser als die Hexe bei den Gebrüder Grimm.“

Bevor ich aber meine Begegnung mit einer echten Hexe habe, biege ich in den Düker Weg in Tossens ein. Hausnummer 6, sagte sie, da stände Minervas Hexenhof. Doch trotz der niedrigen Hausnummer ist es noch ein ganzes Stück über die holprige Piste. Und siehe da, keine Lebkuchen am Haus, auch kein heißer Ofen, in denen Kinder verbrannt werden. Aber was habe ich denn im Vorfeld erwartet? Ich steige aus und die pure Ruhe kommt mir entgegen. Fernab von jeglichem Verkehrslärm liegt der Hexenhof mitten in der Feldlandschaft Butjadingens.


 Im Hintergrund klingen Klanghölzer. Ich suche in den Bäumen und erkenne ein Windspiel gleich in der Einfahrt. Man mag es Zauberei nennen, aber ich diesem Moment bin ich schon entspannt. Ich laufe ums Hauseck zum Eingang. Eine Funkklingel – wie modern, aber eine Hexe muss nun auch mit der Zeit gehen. Minerva öffnet die Tür und mir steht ein freundlicher Paradiesvogel gegenüber. Bunt gekleidet, gutaussehend und mit einer unglaublich positiven Ausstrahlung bittet sie mich herein. Nein, keine krächzende Stimme und die schwarze Katze fehlt auch. „Aber ich habe einen Besen“, greift sie um die Ecke. „Und wofür brauchen sie den?“, frage ich gespannt. „Zum Fegen natürlich“, antwortet sie keck.

Minerva ist nicht auf den Mund gefallen. Sie weiß, wie man Menschen begegnet. Vielleicht liegt es daran, dass sie eine rheinische Frohnatur ist. In Butjadingen aber hat sie ihren Ruhepol gefunden. „Es ist hier so ruhig, dass wenn Seminarteilnehmer hier über Nacht bleiben, viele gar nicht schlafen können, weil sie es nicht gewohnt sind“, erzählt sie.

Dunkle Kleidung, lange Nase mit Warze und die schwarze Katze auf der Schulter sind bei Minerva nicht zu finden. (Foto: Jesco von Moorhausen)
Wir treten ein und stehen im ehemaligen Stallbereich des Bauernhofes. An den Balken hängen zahlreiche Büschel getrockeneter Kräuter, die den Raum in ein Dufterlebnis verwandeln. Etwas betört gehen wir vorbei an verschiedensten Waren in den hellen Seminarraum. Eine Kerze steht auf dem Boden, daneben eine Rassel und rundherum Kissen. Doch wir ziehen die Sofagarnitur vor und setzen uns. Minerva fängt an zu erzählen und ich lausche. Es geht um Elfen, es geht um Geister, um Magie und um Träume verwirklichen. Ich bin Atheist, nein, noch schlimmer, Naturwissenschaftler, aber es hört sich für mich trotzdem alles schlüssig an. 

Zunächst zieht mir Minerva aber gleich einen Zahn: „Bei mir ist Zauberei harte Arbeit und kein einfaches HexHex“, spielt sie auf meine Bibi Blocksberg Bemerkung an und lächelt. Magie ist für sie das Wissen über Dinge, die man nicht anfassen kann. Minerva ist eine Hexe nach der altnordischen Tradition. „Hexen gibt es in vielen Kulturkreisen unter anderen Namen“, erklärt sie und nennt die Bezeichnungen Druide, Heiler, Schamane und Medizinmänner. 

Alle verbindet das große Wissen über Heilpflanzenkunde. Anders ist es bei Minerva auch nicht. Vor dem Hof eröffnet sich ein riesiger Kräutergarten. „Der Hexengarten – Hier fängt die Magie an“, steht auf Englisch am Eingangstor. „Man lernt sein Leben lang“, erklärt Minerva, die sich jeden Tag fortbildet, neue Erfahrungen macht und das Wissen der Welt in sich aufsaugen möchte. Ein nobler Gedanke, der keinesfalls altmodisch ist. So wie Minerva selbst: „Ich hatte früher einen C64, sitze heutzutage gerne vor facebook und habe ein Smartphone“, sagt sie und möchte gerne mit Vorurteilen aufräumen. Die gibt es aber leider immer wieder. Erst kürzlich, so erzählt die Hexe aus Butjadingen, kurvte ein Wagen ständig vor dem Haus auf und ab. Minerva kam es seltsam vor und ging zum Fahrzeug. Darin saß eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Sie fragte, ob sie ihnen helfen könne und was sie suchen würden. „Wir halten nach dem Ofen, in dem die Kinder verbrannt werden, Ausschau“, meinte die Unbekannte es ernst, während die Kinder verängstigt auf dem Rücksitz kauerten.

„Tatsächlich ist hier die USA aufgeschlossener, in der der Wicca-Glaube als anerkannte Religion gilt“, erklärt Minerva, die herausstellt, dass solche Vorfälle wie beschrieben zum Glück in dieser Region sehr selten vorkommen. Im Ruhrgebiet war es leider schlimmer. Einer der Gründe, warum Minerva mit ihrer

Keine Hexe ohne Besen – auch wenn Minerva das eher mit einem belustigtem Auge sieht. (Foto: Jesco von Moorhausen)
Im Hexengarten fängt die Magie an. Minerva hat viel davon und weiß, wie Kräuter wirkungsvoll eingesetzt werden können. (Foto: Jesco von Moorhausen)
Familie nach Butjadingen gekommen ist. Sicherlich belächeln viele den Glauben an Elfen, Kobolde und Geister, „…doch sollte man immer im Hinterkopf haben, das es noch genug moderne Völker gibt, bei denen dieser Glaube an der Tagesordnung ist und sehr ernst genommen wird“, nennt Minerva unter anderem das Beispiel Island. Hier gebe es eine Elfenbeauftragte beim Bauamt in der Hauptstadt Reykjavík.

Ich fange an zu sinnieren – eigentlich ist es doch völlig egal, ob ich an einen alten Herrn mit Rauschebart im Himmel oder an Elfen und Trolle auf der Erde glaube. Minerva stellt ihre Religion weiter vor und sie erscheint mir sympathisch. Einen Missionarsgedanken suche ich vergeblich. „Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg“, meint Minerva, die bei der Kur- und Touristik Butjadingen ebenso gut ankommt. Deswegen arbeiten beide zusammen. Minerva bietet in der Saison für Erwachsene und Kinder immer wieder Führungen über den Hexenhof und durch den beeindruckenden Kräutergarten an. Viele Urlauber sind neugierig und besuchen die Hexe in Tossens.


Aber es gibt auch Veranstaltungen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind. Minerva hat einen guten und bekannten Ruf, so dass hin und wieder sogar Prominente zu ihr kommen und Hilfe suchen. „Da ich so abgelegen wohne, ist das für Prominente eine perfekte Möglichkeit“, erklärt Minerva, die in Seminaren und Sitzungen vor allem bei Burnout helfen kann. Einmal im Jahr gibt es zudem einen großen Hexenzirkel, bei dem viele bekannte Hexen aus dem ganzen Land auf Minervas Hexenhof kommen. „Nein, da werden keine Tiere geopfert“, stellt sie von vornherein klar und lacht. Mir wird klar, dass Minerva schon unter vielen Vorurteilen gelitten hat. Aber nicht nur sie, ihre drei Kinder ebenso. Umso schöner, dass ihre jüngste Tochter, jetzt 19 Jahre alt, in Tossens auf die Zinzendorfschule keine Probelme hatte. Die Privatschule mit staatlichem Auftrag wird von der Herrnhuter Bruderschaft betrieben, einer christlichen Kirche. Hier könnte man meinen, dass Probleme vorprogrammiert wären. „Doch ganz im Gegenteil, die waren alle so herzlich und offen zu meiner Tochter und mir“, lobt Minerva die Zinzendorfschule in Tossens. Den Hof kaufte Minerva unter anderem von einer ehemaligen Lehrerin der Schule. Diese Offenheit gegenüber dem speziellen Glauben der Familie gab es in ihrer vorherigen Heimat nicht.


Minerva hat drei Kinder – eine 26jährige Tochter, die bereits auch Kinder hat, einen 23jährigen Sohn, der als Informatiker arbeitet und ihre 19jährige Tochter, die damals mit ihr nach Butjadingen gegangen ist. Bei allen war es Minerva wichtig, dass sie sich auch mit anderen Religionen auseinander setzen. So nahmen sie auch am Religionsunterricht teil. Dennoch wundert sich Minerva, warum Schulen bei jeder Kleinigkeit mit ihren Klassen in die christliche Kirche rennen. Gute Frage und ich erinnere mich selbst an meine Schulzeit. Ich war vom Religionsunterricht immer befreit, war dennoch ständig mit meiner Klasse in der Kirche.


Kürzlich war ein Fernsehteam von N3 bei ihr. Sie drehten einen Beitrag über Butjadingen und besuchten auch den Hexenhof. „Seitens der oberen Verantwortlichen gab es wohl ein Stirnrunzeln“, erinnert sie Minerva. Doch der Aufnahmeleiter war gebürtiger Schotte und mit dem Glauben an Elfen und Co. aufgewachsen. „Dem brauchte ich hier gar nicht zu erzählen, der kannte das alles schon“, war Minerva begeistert. Er setze es durch, dass sogar eine Hochzeit mit Minerva als „Priesterin“ gefilmt werden durfte. „Eigentlich mag ich den Begriff Priesterin nicht so gerne“, erklärt Minerva, die die Bezeichnung zu christlich angehaucht findet. Aber nur so verstehen die Leute das, was ich meine. Im nächsten Jahr vermählt sie auf drei Hochzeiten in der Region zwei liebende Menschen.
Und ihr Mann? Ein Handwerker, ein Pragmat, aber dennoch spiritueller Mensch, der hier einen Traum verwirklicht hat. Seit ihrem 15. Lebensjahr ist sie mit ihm zusammen. „Und wir sind glücklich“, erzählt Minerva.


Mein Blick auf die Uhr überrascht mich. Drei Stunden sind schon vergangen. Zauberei? Nein, zugegeben Faszination für ein Thema, mit dem man nicht alle Tage in Berührung kommt. Und Entspannung, weil hier alles so stimmig ist. 


Ich fühle mich einfach wohl. Dennoch muss ich weiter und verlasse den Hexenhof. Aber ich möchte wiederkommen und noch mehr erfahren. Bin ich jetzt auch spirituell? Nein, ich bleibe so wie ich bin – weltoffen jeder Religion, jedem Glauben gegenüber – wie Minerva. Das verbindet uns.

Nachzulesen in der Zeitung A-Quadrat Ausgabe 5-2017
auf Seite 32